Immer mehr Sachbücher fluten den Markt, die ganz oder teilweise durch Künstliche Intelligenz (KI) geschrieben wurden. Einige „Autor:innen“ geben sich dabei als Expert:innen aus. Andere sind tatsächlich welche. Sie alle glauben, sich die Arbeit des Buchschreibens ersparen zu können, indem sie die KI einfach machen lassen. Ist das ein Trugschluss? Und was sollten Sie beachten, wenn Sie ein Sachbuch mit KI schreiben möchten?
Es wird immer schwerer, durch KI geschriebene Sachbücher zu erkennen. Immer häufiger sind es nur Kleinigkeiten, die das hergeben. Oder man findet es zufällig heraus. Die Autor:innen geben es oft auch nicht an, dass sie ihr Buch nicht selbst geschrieben haben. Und immer mehr Verlage veröffentlichen solche Bücher, ohne sie überprüft zu haben.
Das sind v. a. Verlage, die sich inzwischen von den Autor:innen für die Veröffentlichung bezahlen lassen. Oder die Autor:innen müssen ihnen gewisse Mindestmengen an Büchern abnehmen.
Es scheint, als wollte sich diese Branche auf diese Weise noch schnell holen, was zu kriegen ist, bevor sie ganz den Bach runtergeht. Denn natürlich sägen sich die Verlage mit diesem Verhalten selbst den Ast ab, auf dem sie (noch) sitzen. Schließlich schlafen Autor:innen nicht und haben längst mitbekommen, dass sie ihre Bücher auch selbst veröffentlichen können. Und dass sie auf diesem Weg deutlich höhere Tantiemen bekommen als von einem Verlag.
Ist das Buchschreiben mit KI ganz einfach und nützlich?
Ich habe neulich einen Ratgeber von zwei Personen gelesen, nennen wir sie A und B. Beide kennen sich in ihrem Fachbereich sehr gut aus, und sie arbeiten schon jahrelang in ihren Berufen. Doch sie sind Teil einer nur winzigen Gruppe von Fachleuten auf diesem Gebiet in Deutschland, zu deren Expertise man Bücher mit der Lupe suchen muss. Ein solches Buch war deshalb lange überfällig. Umso erfreuter war ich, als ich es entdeckte, zumal es in einem (bislang) sehr renommierten Sachbuchverlag erschienen ist.
Doch dann kam das böse Erwachen.
Beide Personen hatten jeweils eigene Kapitel geschrieben, was an sich durchaus normal ist. Die Kapitel von Person A waren auch stilistisch halbwegs o. k. Doch sie steckten voller Wiederholungen, voller Polemik, und es gab keine einzige Seite ohne Rechtschreib-, Grammatik- und Kommafehler.
Über all das bin ich permanent gestolpert. Das Lesen wurde deshalb immer mühsamer und nerviger. Und es fiel mir immer schwerer, mich nur auf den Inhalt zu konzentrieren.
Das allein hätte kein seriöser Verlag je durchgehen lassen.
Die Kapitel von Person B dagegen klangen sehr glatt, aber auch sehr unpersönlich, d. h. der Schreibstil war nicht sehr individuell. Ich konnte B aus dem Text nicht heraushören. Die Kapitel waren aber logisch aufgebaut, die wenigen Wiederholungen waren sinnvoll, und ich stolperte nur über einen oder zwei Fehler. Diese Kapitel ließen sich also deutlich besser lesen als die von A.
Somit gab es einen krassen Unterschied zwischen den Kapiteln von A und B, was in einem gemeinsamen Buch nicht passieren sollte. Unterschiede können und dürfen sein, doch nicht in diesem extremen Ausmaß. Aber die Krönung sollte noch kommen.
In den Kapiteln von B wurden einige Quellen genannt, u. a. Bücher. Weil zwei dieser Bücher besonders interessant klangen, ich von ihnen aber noch nie gehört hatte, wollte ich mir die gerne mal ansehen. Also suchte ich nach ihnen. Und suchte und suchte. Aber ich konnte sie nicht finden, in keinem Verzeichnis, in keinem Laden, in keinem Antiquariat. Darum schrieb ich die beiden Verlage an, nennen wir sie X und Y, die in den Quellenangaben genannt wurden.
Verlag X schrieb mir: Ja, das Buch hat es gegeben. Es erschien bei ihnen vor über 20 Jahren und ist inzwischen vergriffen.
Verlag Y schrieb mir: Dieses Buch gibt es gar nicht. Es ist weder in unserem Verlag erschienen noch in irgendeinem anderen. Und meine Anfrage sei nicht die erste gewesen, bei der nach einem niemals erschienenen Buch aus diesem Verlag gefragt wurde.
Wie bitte?
Zwei untersuchte Quellen, und gleich die zweite stellt sich als nicht-existent heraus? Das kann natürlich Zufall sein. Doch es legt den Verdacht nahe, dass die Kapitel von Person B mit KI geschrieben wurden. Und dass B von KI keine Ahnung hat. Dass B nicht wusste, dass Künstliche Intelligenz sehr gerne Sachen erfindet, weil sie nicht wirklich intelligent ist. Dass sie aber ihre Erfindungen, ihre sogenannten „Halluzinationen“, sehr überzeugend als vermeintliche Fakten formulieren kann.
Sehr offensichtlich ist aber auch, dass der publizierende Verlag es offensichtlich nicht für nötig gehalten hat, Text und Quellen zu überprüfen (von einem Korrektorat der Texte von Person A mal ganz abgesehen).
Hier ist also so ziemlich alles schiefgegangen, was bei einem Buch schiefgehen kann. Aber nicht sollte.
Was also sollten Sie beachten, wenn Sie ein Sachbuch mit KI schreiben?
Womit wir bei der Frage angekommen sind, welche Lehren Sie (und ich) daraus ziehen können.
1. Ein Buch kann Ihrem Ruf schaden
Die Personen A und B wollten mit ihrem Ratgeber sicher nicht nur anderen Menschen helfen, sondern auch ihren bislang guten Ruf untermauern. Denn heute ist es in vielen Fachgebieten üblich, dass Expert:innen ein Buch veröffentlichen, mit dem sie ihre Expertise nachweisen.
Ein so hanebüchen geschriebenes Buch wie das von A und B kann Ihrem Ruf jedoch massiv schaden. Denn erstens ist es äußerst unprofessionell geschrieben. Und zweitens kann ich als Leserin nicht darauf vertrauen, dass das, was drinsteht, wirklich stimmt. Die Expertise der beiden mag noch so hinlänglich bekannt sein: Ein solches Buch weckt daran berechtigterweise massive Zweifel.
2. Ein Buch kann Ihrem Thema und den Leser:innen schaden
Ein Buch kann aber nicht nur Ihrem Ruf schaden, sondern auch Ihrem Thema und den Leser:innen. Insbesondere ein Ratgeber auf einem Gebiet, das ohnehin in der Buchlandschaft äußerst spärlich bestückt ist, muss vertrauenswürdig sein. Das heißt, als Leserin muss ich darauf vertrauen können, dass Sie sich als Expert:in nicht nur auf Ihrem Fachgebiet auskennen. Sondern dass Sie es mir auch korrekt vermitteln und ich Ihrem Rat vertrauen kann.
Im Fall des Buchs von A und B kann ich das jedoch nicht. Als Journalistin könnte ich dieses Buch nicht einmal als eine seriöse und verlässliche Quelle angeben, falls ich über das Thema schreiben sollte, obwohl ich weiß, dass die beiden tatsächliche Fachleute sind. Ich könnte aber nicht sicher sein, dass die Inhalte wirklich korrekt sind. Denn wer weiß schon, welche Fehler A sonst noch gemacht hat und was die KI in die Texte von B noch alles hineinhalluziniert hat, ohne dass irgendjemand es geprüft und ggf. gestrichen oder überarbeitet hat?
Deshalb sollten Sie grundsätzlich Folgendes beachten, wenn Sie ein Sachbuch mit KI schreiben möchten.
3. KI erleichtert das Buchschreiben nicht
Viele Autor:innen berichten nach Erfahrungen mit KI, dass sie ihre Texte besser von Anfang an selbst geschrieben hätten. Denn zum Schreiben mit KI gehört ja nicht nur, der KI ausführliche Prompts zu geben, was an sich schon viel Zeit kostet, wenn man es richtig macht. Auch die Überprüfung dessen, was die KI geschrieben hat, die Überprüfung aller Quellen im Original und die Überarbeitung des Buchtextes hätte sie deutlich mehr Zeit gekostet, als wenn sie alles selbst geschrieben hätten.
4. Überlegen Sie gut, welchem Verlag Sie Ihr Buch anbieten
Immer mehr Sachbuchverlage lassen sich dafür bezahlen, Bücher zu veröffentlichen. Früher nannte man solch ein Geschäftsmodell „Druckkostenzuschussverlag“ (DKZV). Doch heute sind sich nicht einmal mehr Verlage dafür zu schade, die sich einst über Jahre und Jahrzehnte einen seriösen, guten Ruf erwirtschaftet hatten.
Dieses Modell ist jedoch aus mehreren Gründen kein Gutes. Früher wusste man bei einem Verlag allein aufgrund seines Rufes, welche Qualität man bei seinen Büchern erwarten konnte. Dieses recht neue Vorgehen aber führt z. B. dazu, dass Leser:innen berechtigterweise das Vertrauen in den Verlag und die ganze Branche verlieren. Denn wenn ein Buch nur erscheint, weil sich die Autor:innen es leisten können, den Verlag dafür zu bezahlen oder dem Verlag eine gewisse Anzahl von Büchern gezwungenermaßen abzukaufen, dann fragt man sich natürlich, was für ein Qualitätsmerkmal das sein soll.
Denn in sehr vielen Fällen macht ein solcher Verlag nicht einmal mehr den Job, der sozusagen seine Existenzberechtigung ist. Viele Verlage machen schon seit Jahren keine Werbung mehr für die meisten ihrer Bücher. Sie stecken ihr Werbebudget oftmals nur noch in jene Bücher, die sie als Bestseller einschätzen oder zu Bestsellern machen wollen, z. B. weil die Autor:innen bereits berühmt sind und deren Name auch positiv auf den Verlag abfärbt.
Hier kommt aber noch dazu, dass solche Verlage die Bücher gar nicht mehr lektorieren und korrekturlesen. Doch gerade diese beiden Arbeitsgänge waren mal die grundlegenden Aufgaben von Verlagen, das absolute Minimum, für das sie einen Großteil der Tantiemen kassierten.
Informieren Sie sich also sehr genau, was für Konditionen ein Verlag anbietet. Lassen Sie sich grundsätzlich Lektorat und Korrektorat im Vertrag garantieren, ohne dass Sie dafür bezahlen müssen. Das wird Sie allerdings nicht davor schützen, dass beides irgendwo in Indien oder einem anderen Billiglohnland durchgeführt wird und nicht automatisch eine angemessene Qualität aufweist. Es kann sein, dass Sie am Ende beides nochmal selbst durchführen lassen und bezahlen müssen, wenn Ihnen Ihr Ruf, Ihr Thema und Ihre Leser:innen etwas wert sind.
5. Überprüfen Sie jedes Detail, jede Aussage, jede Quelle (im Original)
Glauben Sie nie, dass Ihre Arbeit mit der Fertigstellung der ersten Manuskript-Fassung getan ist. Bevor das Buch in Druck geht oder als E-Book veröffentlicht wird, sollten Sie grundsätzlich noch einmal jedes Detail, jede Aussage und jede Quelle überprüfen.
Die Quellen sollten Sie immer im Original überprüfen, weil es gut sein kann, dass es die Bücher, Studien oder Zeitungsartikel, die die KI angibt, nicht gibt. Oder dass es sie tatsächlich gibt, aber vielleicht hat die KI das betreffende Zitat oder die Textstelle, auf die sie sich bezieht, frei erfunden.
Überprüfen Sie aber auch nochmal den ganzen Text auf seinen Wahrheitsgehalt, überprüfen Sie alle Daten und Fakten. Haben Sie z. B. ihr Manuskript „nur“ von KI überarbeiten und stilistisch verbessern lassen, können Sie nie sicher sein, dass die KI nicht irgendetwas umformuliert, hinzugefügt oder gestrichen hat.
6. Überlegen Sie gut, ob Sie überhaupt KI nutzen möchten
Sie sehen, dass die Idee, „mal eben ein Sachbuch mit KI zu schreiben“, nicht automatisch besonders klug ist. Denn KI nimmt Ihnen die Arbeit nicht unbedingt ab. Im Gegenteil, sie kann Ihnen die Arbeit deutlich erschweren. Oder, wenn Sie sich die Arbeit lieber sparen möchten, Ihren Ruf ruinieren oder Ihren Leser:innen und der Sache an sich schaden.
Sollten Sie auf eine:n Ghostwriter:in zurückgreifen, müssten Sie ebenfalls alles nochmal genauestens überprüfen. Denn auch die könnten natürlich KI genutzt haben, ohne es Ihnen mitzuteilen.
Wofür kann KI beim Sachbuchschreiben dann überhaupt gut sein?
Möchten Sie KI nun nicht mehr zum Schreiben der Texte Ihres Sachbuchs nutzen und fragen sich, wozu sie dann überhaupt gut sein kann? Sie kann Ihnen z. B. bei Folgendem unter die Arme greifen:
- KI kann Ihnen grundsätzlich beim Brainstorming helfen. Sie kann Sie auf Ideen bringen, auf die Sie vielleicht von selbst nicht gekommen wären oder die Sie möglicherweise übersehen oder vergessen hätten.
- KI kann Sie dabei unterstützen, je nach Genre eine sinnvolle Struktur für Ihr gesamtes Buch, aber auch für jedes einzelne Kapitel zu erstellen.
- KI kann Ihnen Titelideen liefern. Sie müssen aber vor der Veröffentlichung selbst prüfen, ob es diesen oder einen sehr ähnlichen Titel nicht schon gibt, da die meisten veröffentlichten Titel in Deutschland strengen Titelschutz genießen. Ein sehr ähnlich oder gleichlautender Titel kann ziemlich teuer für Sie werden.
- Kommen Sie mit einer bestimmten Formulierung im Text nicht weiter, kann Ihnen die KI ein bisschen auf die Sprünge helfen.
Und das ist derzeit auch schon alles. Die tatsächliche Arbeit des Buchschreibens kann Ihnen die KI nicht abnehmen. Sie ist unzuverlässig. Sie erfindet alles mögliche und lässt es nach Fakt klingen. Und sie wurde mit gestohlenem Material gefüttert.
Denn sie speist sich aus Inhalten, die andere veröffentlicht haben, ohne dass die a) um Erlaubnis gebeten und b) für die KI-Nutzung vergütet wurden. Das heißt, alle Inhalte, die Sie von KI übernehmen, basieren auf geistigem Diebstahl. Sie müssen für sich selbst entscheiden, ob Sie das moralisch verantworten möchten.
Sollten Sie sich für eine Zusammenarbeit mit KI entscheiden, sollten Sie sich jedenfalls niemals auf sie verlassen. Geben Sie die Verantwortung für Ihre Buchinhalte niemals ab.
Zumindest nicht, wenn Ihnen Ihr Ruf und Ihre Leser:innen wichtig sind.